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Autor Thema: Ein größes karolingerzeitliches Amphorenfragment aus Fehlbränden des 9. Jhs.  (Gelesen 642 mal)
thovalo
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Beiträge: 8611



« am: 20. September 2020, 13:13:12 pm »



Hallo!

Vor fast zwei Jahrzehnten entdeckte ich einen Bereich mit zahlreichen Keramikfragmenten fürhmittelalterlicher "Badorfer Keramik". Und weil ich nach dem Studium weitergezogen war wusste ich nicht mehr genau WO! Den Platz konnte ich dann wieder finden und es ist nun ein spannender archäologischer Fundplatz zur frühmittelalterlich-karolingischen Keramikgeschichte im Rheinland.

Dazu kommt der Umstand, dass es sich wohl um einen zumindest zweiphasigen Fundplatz handelt nämlich mit einer vorhergehenden (!) noch merowingerzeitlichen Produktionsphase des 8. Jhs. während der insbesondere Wölbwandtöpfe mit geraden Standböden hergestellt worden sind. Die erste Sammlung ist übergeben.

Die Pandemieumstände verhinderten dann die für dieses Jahr geplante umfassende amtliche Prospektion aber nicht die Bearbeitung der Feldflur durch den Bewirtschafter. So muss ich da selber ran und tu das fleissig. Dabei geht es um die Aufsammlung typologisch signifikanter Belege insbesondere der Formen und Zierweisen.


.... aus der amtlichen Rückmeldung zur Fundmeldung:

"..... das Material sieht ja nach schönstem 9. Jahrhundert aus. Ich werde mir die Stelle mal näher anschauen gehen, denn aus Badorf selbst gibt es ja praktisch kein Fundmaterial mit Badorfer Ware. Die Funde von Fremersdorf aus den dreißiger Jahren sind in Köln nicht zu finden und danach ist ja nur noch jüngeres Material ins Museum eingeliefert worden."

Demnach eine Erstentdeckung nach 90 Jahren.


Im Fundmaterial gibt es bereits Nachweise für eine sehr seltene Ziervariante, die bislang nur aus dem karolingigischen Handelsemporium Dorestadt in den Niederlanden bekannt war und im "British museum London" aufbewahrt wird.

Für Wochenendbeschäftigungen eine dankbare Angelegenheit!


lG Thomas  winke winke
« Letzte Änderung: 20. September 2020, 13:20:14 pm von thovalo » Gespeichert

Darin besteht der Fortschritt der Welt, daß jede ältere Generation von der Jugend behauptet, sie tauge nichts mehr.
Nanoflitter
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Beiträge: 6253



« Antworten #1 am: 20. September 2020, 15:00:44 pm »

Meine Güte, was ein schönes Stück Super Gruss..
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Heino
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« Antworten #2 am: 20. September 2020, 15:24:44 pm »

Hallo Thomas,
bei der Größe kann man schon einen guten Eindruck vondem ehemaligen Gefäß bekommen. Was meinst Du mit der Verzierungsvareante, Dellen?.
Gruß Heino
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thovalo
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Beiträge: 8611



« Antworten #3 am: 20. September 2020, 17:46:02 pm »

Hallo Thomas,
bei der Größe kann man schon einen guten Eindruck vondem ehemaligen Gefäß bekommen. Was meinst Du mit der Verzierungsvareante, Dellen?.
Gruß Heino


Es gibt eine seltene Variante von kleineren Badorfer Töpfen (also keine Amphoren) mit einer Tonleiste die vertikal aufgelegt bis unter den Rand führte.
Diese Variante findet sich kaum irgendwo wieder und scheint nur in geringen Stückzahlen hergestellt worden zu sein. Vier Belege habe ich schon eingereicht, drei Randfragmente mit dem Ende jeweils einer solchen Leiste konnte ich neu auflesen, darunter erstmalig von einem Topf der zusätzlich auch ein Rollstempeldekor (mit Rautenmuster) auf dem Rand zeigt. Vielleicht war das ja auch der Produktionsplatz für die Stücke aus Dorestad.

Ich war doch sehr erstaunt dass man am Vorgebirge so lange keinen Produktionsplatz in "Badorfer Machart" aus dem 9. Jh. mehr finden konnte.
Erklärt mir dann aber auch das große Interesse daran. Der Platz liegt in einer Bauplanungszone. Daher müssen Fakten her. Es finden sich auch Ofenbruch.


lG Thomas
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Darin besteht der Fortschritt der Welt, daß jede ältere Generation von der Jugend behauptet, sie tauge nichts mehr.
thovalo
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Beiträge: 8611



« Antworten #4 am: 20. September 2020, 18:09:16 pm »




Spannend an Alldem ist insbesondere die Einbettung in die historischen Hintergründe, denn die Töpfereien am Kölner Vorgebirge gelten als an die Kökner Kirche oder die fränkische Reichsadministration mit Sitz in Köln gebunden:


aus WIKIPEDIA zitiert

"Während der Sachsenkriege unter Karl dem Großen gewann Köln sowohl politisch als auch kulturell wieder an Einfluss; als erster karolingischer Bischof gilt Hildegar, der um 753 bei einer Schlacht gegen die Sachsen bei der Iburg getötet wurde. Köln verehrte seit dieser Zeit viele christliche Märtyrer, sammelte ihre Reliquien in wertvollen Schreinen und baute für sie viele Kirchen. Im spätmerowingischen Dom wurde eine neue liturgische Einrichtung, eine Schola Cantorum eingebaut.

Papst Zacharias plante, Bonifatius zum Erzbischof Kölns zu ernennen, um von Köln aus die Bekehrung der Sachsen und Friesen voranzutreiben. Der Plan scheiterte zunächst an dem Widerstand der einheimischen Bischöfe und Adligen, und Köln wurde erst 795 Erzbischofssitz. Bereits 787 hatte Karl den Priester Hildebold zum Bischof von Köln eingesetzt, als die Kölner sich nicht selbst auf einen neuen Bischof einigen konnten. 795 wurde Hildebold folgerichtig auch Kölns erster Erzbischof; er amtierte bis zu seinem Tod im Jahr 818, vier Jahre nachdem Karl der Große gestorben war.

Nach dem Tod Karls des Großen entbrannte erneut ein Streit um das Frankenreich. Aufgrund des Vertrags von Verdun 843 gehörte Köln zunächst zum so genannten Mittelreich zwischen Ost- und Westfrankenreich, dessen Herrscher der Enkel Karls des Großen Lothar I. war. Später wurde dieses Gebiet auch als Lotharingien bezeichnet und von Lothar II., dem Sohn Lothars I. und Urenkel Karls des Großen beherrscht. Dessen Scheidung und Wiederverheiratung, die von dem Kölner Erzbischof Gunthar unterstützt wurde, führte 863 zur Exkommunizierung Gunthars, der aber in Köln bis 866 weiter in seinem Amt blieb. Er protestierte gegen die Herauslösung Bremens aus seinem Metropolitanverband durch die Gründung des Erzbistums Hamburg-Bremen 848. Das führte zunächst zu einem Stillstand. Als aber Gunthar wegen der Ehescheidung Lothars II. exkommuniziert wurde, stellte Papst Nikolaus I. am 31. Mai 864 die Gründungsbulle für das Erzbistum Hamburg-Bremen aus. Gunthars Nachfolger Willibert weihte im Jahr 873 die Kirche, die als Alter Dom – Vorläufer des Kölner Doms – gilt. Mit ihrem Bau wurde wahrscheinlich um 850 begonnen; weil aber Gunthar als Bauherr missliebig erschien, schrieb man sie später dem berühmteren Vorgänger zu, weshalb sie lange den Namen Hildebolddom trug.

Nach Lothars Tod fiel Köln 876 an das ostfränkische Reich König Ludwigs des Deutschen.

Durch die innerfränkischen Kämpfe wurde das Reich nach außen derart geschwächt, dass im Winter 881/882 dänische Wikinger auf ihren Raubzügen in den Rheinlanden rheinaufwärts bis Köln und Bonn vordringen konnten. Sie plünderten und brandschatzten unter Führung ihrer Häuptlinge Godefried und Sigifrid die Städte, und in Köln blieben den historischen Berichten zufolge nur der Dom und die Kirchen St. Severin und St. Gereon erhalten, alle anderen Gebäude und Kirchen sowie die Stadtmauer brannten nieder. Danach zogen die Wikinger moselaufwärts nach Trier. Die Geistlichen der Stadt waren vor dem Einfall der Normannen mit den wichtigsten Kirchenschätzen nach Mainz geflohen. Die großen Zerstörungen dieser Zeit sind aber archäologisch bislang nicht nachgewiesen und mögen teilweise auch übertrieben dargestellt worden sein, zumal von diesem Ereignis nur eine historische Quelle in Form der Fuldaer Annalen berichtet. Während die Profanbauten bereits nach zwei Jahren wieder aufgebaut worden seien, bat noch im Jahr 891 Erzbischof Hermann I. Papst Stephan V. um Zusendung von Reliquien als Ersatz für die verbrannten Kirchenschätze in der Stadt.[8]

Noch 882 befestigten die Kölner ihre Stadtmauer erneut und verstärkten diese auch, was sich als sehr nützlich erweisen sollte, denn als die Wikinger 883 wieder kamen, blieb Köln dank der Mauer, anders als Bonn und Andernach, die erneut brannten, verschont. Im Jahr 891 erhielt Köln unter seinem Erzbischof Hermann von Papst Stephan V. bedeutende Reliquien für die wieder aufgebauten Kirchen.

Anfang des 10. Jahrhunderts wechselte in Köln ein vorletztes Mal in der Karolingerzeit die Herrschaft: In Ostfranken wurde Konrad I. zum König gewählt, was die lothringischen Fürsten zur Abspaltung bewog und in den Einflussbereich des karolingischen Westfranken brachte. Endgültig beendet wurde diese Phase von dem Sachsen Heinrich I., der mit wenigen Eroberungszügen Lothringen wieder zu Ostfranken brachte. 925 wurde Lothringens – und damit Kölns – Zugehörigkeit zum ostfränkischen Reich von den Fürsten und dem Kölner Erzbischof bestätigt."


Genau aus diesem spannenden Jahrhundert stammt auch die Töpferei für Keramik "Badorfer Machart" am Kölner Vorgebirge!



lG Thomas  winke winke
« Letzte Änderung: 20. September 2020, 18:18:53 pm von thovalo » Gespeichert

Darin besteht der Fortschritt der Welt, daß jede ältere Generation von der Jugend behauptet, sie tauge nichts mehr.
St. Subrie
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« Antworten #5 am: 20. September 2020, 20:50:31 pm »

Guten Abend,

Deine Erläuterungen sind auch für mich hochinteressant ! Denn ich arbeite seit vielen Jahren bei den fast jährlichen Grabungen der Kreisarchäologie Offenbach und des Geschichtsvereins Mainhausen auf dem sogenannten Zellhügel in Mainhausen-Zellhausen mit, eine frühmittelalterliche Bestigungsanlage mit karolingischen Wurzeln ohne obertägig sichtbare Spuren. Und dort wird bei fast allen Grabungen Material von prächtigen Reliefbandamphoren geborgen, die aber wohl nichts mit  "Deiner" zeitlich früheren Gattung zu tun haben.
Ich setzte hier einen Link zur Fundstelle der Grabungsberichte, beginnen mit der Zusammenfassung der Grabungen 2009 und 2010. : https://www.ghv-mainhausen.de/archaeologie.html

Du beschäftigst Dich sehr viel umfassender als wir mit Herstellung und Herkunft einer ganzen Keramikgattung. Wir sind bei den Grabungen gewissermaßen nur am anderen Ende, beim "Verbraucher" im  frühen Mittelalter.
Es ist viel Lesestoff (auch mit vielen Metallfunden, die ich hier im Forum schon gezeigt habe) aber man kann sich ja weitgehend auf die vielen Fotos der Keramikfunde beschränken.

Gutes Gelingen bei Deiner Arbeit wünscht

St. Subrie
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RockandRole
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« Antworten #6 am: 22. September 2020, 06:56:10 am »

Guten morgen,

da kann ich mich nur anschließen. Hoch interessant.

Die Suchgebiete von StSubrie und meins liegen ja nebeneinander. Trotzdem ist bei uns noch nie so ein Stück Amphore aufgetaucht. Wird mal Zeit  grins

Liebe Grüße Daniel
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thovalo
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« Antworten #7 am: 24. September 2020, 22:28:10 pm »

Guten morgen,

da kann ich mich nur anschließen. Hoch interessant.

Die Suchgebiete von StSubrie und meins liegen ja nebeneinander. Trotzdem ist bei uns noch nie so ein Stück Amphore aufgetaucht. Wird mal Zeit  grins

Liebe Grüße Daniel


Kommt schon noch!  winke winke


Ich finde sie auch nur an entsprechend "prominenten Plätzen. Bedenkt man wie alt sie sind und wie extrem viel dünner die Bevölkerungsdichte gewesen ist, finden sich solche Stücke auch nur unter besonderen Umständen bereits an der Oberfläche.


lG Thomas

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