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Autor Thema: Oberflächenbegehungen einst und jetzt  (Gelesen 475 mal)
palaeo1
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« am: 17. Mai 2017, 15:07:44 pm »

Ich möchte hier einmal ein aktuelles Projekt vorstellen, bei dem ein Flurstück systematisch begangen und jeder Fundpunkt mit GPS eingemessen wird, wobei Referenzmessungen eine max. Abweichung von 2 m ergeben haben. Die Artefakte wurden sofort mit der GPS -Nummer mittels eines Pigmentliners beschriftet.

Hintergrund der Prospektion

Die Fundstelle wurde bereits 1955 entdeckt und ab den 70er Jahren von drei Sammlern der Gegend systematisch begangen. Die Erfassung der Funde ergab bei den Sammlern den subjektiven Eindruck, dass es sich um drei Fundkonzentrationen handelt. Bis heute waren daher im Landesamt drei Fundstellennummern vergeben. Das Fundmaterial wurde mir von den Sammlern 2004 zum Teil zur Auswertung zugänglich gemacht. Von einem der Sammler sind mir die Funde leider nicht zur Bearbeitung überlassen worden. Dennoch konnten ca. 5700 Artefakte ausgewertet werden. Die Auswertung ergab eine Besonderheit der Inventare dieser Fundstellen. Es handelt sich, neben wenigen mesolithischen Hinweisen und nur einem Hinweis auf die Hamburger Kultur, weit überwiegend um Inventare der Federmesser-Gruppen, in denen sich große Stielspitzen befanden, die denen der Bromme-Kultur in Dänemark, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern gleichzustellen sind. Vorkommen von kleineren Stielspitzen in Federmesser Inventaren ist nichts ungewöhnliches. W. Taute (1968) deutete dies noch als Hinweis von Kontakten der Bromme-Kultur und den Federmsser-Gruppen. Neuere Untersuchungen deuten dagegen auf eine eigene Entwicklung der Stielspitzen in den Federmesser-Gruppen des norddeutschen Tieflandes hin. Das Besondere an unseren Fundstellen ist nun aber die Größe und die Häufigkeit der Spitzen im Verhältnis zu den Rückenspitzen. Es gibt lediglich einen weiteren Fundplatz in Niedersachsen.
« Letzte Änderung: 17. Mai 2017, 15:14:12 pm von palaeo1 » Gespeichert
palaeo1
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« Antworten #1 am: 17. Mai 2017, 15:08:46 pm »

Mit der jetzt begonnenen systematischen Prospektion sollte geklärt werden, ob es einzelne Fundkonzentrationen gibt, die noch ausreichend Potential haben, um ausgegraben zu werden.

Ergebnisse

Die Begehungsbedingungen waren ideal. die Fläche, in denen die drei Fundstellen lagen, betrug knapp 5 ha. Insgesamt wurden für die Fläche 50 Begehungsstunden aufgewendet und dabei ca. 2500 Artefakte geborgen. Es ergab sich aber ein vollkommen konträres Bild zu dem, wie es die Sammler verzeichnet hatten. Es gab keine isolierten Konzentrationen, die Fundstreuung war flächendeckend festzustellen. Es kann davon ausgegangen werden, dass wir es hier mit hunderten von Aufenthalten der Jäger-/Sammler-Gruppen zu tun haben.

Bei den Begehungen konnte zudem ermittelt werden, dass die Sammler fast ausschließlich die Werkzeuge mitgenommen hatten sowie die hochwertigen Grundformen. Das ließ sich schon bei der Bearbeitung der Altfunde erkennen, wo der Werkzeuganteil zwischen 20 und 50 % lag (bei gegrabenen Inventaren liegt er etwa zwischen 2 und 3 %). So fanden wir bei den Prospektionen einen enorm hohen Anteil an Trümmern, thermisch beeinflussten Grundformen und Absplissen <= 0,5 cm².

Im Herbst soll nun mit einem Minibagger der Oberboden an bestimmten Stellen abgetragen werden um festzustellen, ob es noch intakte Fundschichten gibt.
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Fieldwalker
Graf
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« Antworten #2 am: 17. Mai 2017, 16:11:35 pm »

Hallo palaeo1,

das ist wieder ein sehr anschauliches Beispiel dafür, wie wichtig systematische Begehungen und Fundeinmessungen per GPS sind !

Der subjektive Eindruck zeichnet doch ein ganz anderes "verzerrtes" Bild ...

Gruß Fieldwalker
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thovalo
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« Antworten #3 am: 18. Mai 2017, 07:21:19 am »



Der Fundplatz ist sehr eindrucksvoll und erscheint in der gezeigten Einmessung genau auf den markanten Umriss der Feldflur begrenzt.
Sind die Flächen drum herum denn auch begangen worden, oder waren sie nicht begehbar?

Noch mehr wird deutlich dass Sammler weit überwiegend auf klar ausgeprägte Fundbelege achten oder nur diese erkennen und nicht systematisch sammeln.
Bedenkt man in diesem Fall, dass ein Sammler seine Funde nicht zur Verfügung gestellt hat fehlt noch ein Anteil.
Die Stielspitzenvariante unter den Fundbelege zeigt ein eindrucksvoll breites Spektrum von Variabilität.

Gibt es denn auch einen Anteil an Felsgeststeinobjekten in den Aufsammlungen, wie Retuscheure usw.?
Die Silices bilden ja nur einen Teilausschnitt der Sachkultur.


Danke für die tolle Präsentation!


lG Thomas   winke winke
« Letzte Änderung: 18. Mai 2017, 07:30:00 am von thovalo » Gespeichert

Darin besteht der Fortschritt der Welt, daß jede ältere Generation von der Jugend behauptet, sie tauge nichts mehr.
Neos
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« Antworten #4 am: 18. Mai 2017, 08:16:25 am »

Moin, palaeo1,

dank dir vielmals für diesen eindrucksvollen Post! 2.500 Artefakte in 50 Stunden. Das sind 0,8 Artefakte pro Minute (!). Wahnsinn!!!  Boh

Viele Grüße

Neos
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palaeo1
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« Antworten #5 am: 18. Mai 2017, 10:32:24 am »

@thovalo

Hier ist nur das eine Flurstück in seinen Grenzen begangen worden. Bei den anderen Flurstücken handelt es sich entweder um Grünland oder nicht begehbare Flächen (nicht abregeregnet bzw. noch nicht umgebrochen). Lediglich im Norden zeichnet sich eine Grenze ab, wobei die Ursache erst einmal noch ungeklärt ist.
Die Variabilität in der Größe und Ausprägung der Stielspitzen kann chronologische Ursachen haben. Dieses herauszufinden ist ein Ziel unserer Untersuchungen. Wir müssen davon ausgehen, dass die Fundniederschläge über mehrere hundert Jahre erfolgt sind. Aber auch der diverse Einsatz in einem Pfeilschaft bzw. mit der Speerschleuder (große Spitzen) kann ein Grund sein, wobei ein Pfeil sehr viel sensibler auf die Varianz der Geschossspitzen reagiert als bei der Speerschleuder.
Felsgesteinartefakte liegen aktuell noch nicht vor, weder Schlagsteine noch Retuscheure. Seit der Zeit der großen Kartoffelroder ist auch nicht mehr mit solchen größeren Artefakten zu rechnen, die sind im Steinebunker der Geräte verschwunden. Da warten wir eventuelle Grabungen ab. Nicht artifizielle Gesteine liegen nur in wenigen Bereichen vor, an denen das Geschiebe an die Oberfläche drückt, ansonsten sind hier Flugsande vorhanden.

@ Neos

Ja, ist enorm viel, wobei in dem Zeitfaktor auch noch das Bedienen des GPS-Gerätes inbegriffen ist sowie das Beschriften und Verpacken der Funde.

Gruß
palaeo1
« Letzte Änderung: 18. Mai 2017, 19:12:11 pm von palaeo1 » Gespeichert
StoneMan
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Ich bin Augensucher. Meine Funde werden gemeldet.


« Antworten #6 am: 18. Mai 2017, 17:04:55 pm »

Moin.

vielen Dank für diese interessante Dokumentation mit sehr aufschlussreichen Ergebnissen.
Stützt es mich einmal mehr, auch die weniger spektakulären Dinge mitzunehmen.

Dank der Einladung eines Forumskollegen konnte ich erst kürzlich an einer ähnlichen Aktion teilnehmen.
Nun kann ich das noch besser einschätzen und hoffe auf ähnlich interessante Ergebnisse.

Gruß

Jürgen
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Das Gefühl und mit dem Herzen zu sehen, antwortet die Seele.
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RockandRole
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« Antworten #7 am: 18. Mai 2017, 17:35:11 pm »

Servus,

seit dem ich einige Fundstellen so einmesse weiß ich wieviel Arbeit das macht. Da hast du meinen Respekt verdient.
Ich übertrage noch zusätzlich weitere Daten in eine Datenbank und beschrifte alle eingemessenen Stücke. So muss man nicht dauernd mit den Tütchen fummeln.
Trotzdem ist diese Art von Doku ja nur ein Abbild von der Situation heute. Ich denke aber, dass die Verlagerung sich teilweise sogar ausgleicht.

Liebe Grüße Daniel
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Nanoflitter
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« Antworten #8 am: 18. Mai 2017, 17:52:10 pm »

Ich messe auch jedes Fitzel und Scherbe mit GPS ein. Die Krux ist bei "privaten" Begehungen, das man oft nicht das ganze Feld schafft und dann Teilbereiche mehrmals und manche weniger begeht. Dadurch kommt es zu einer Verzerrung der Ergebnisse. Besser für den Alleinsucher sind Resultate nach mehreren Jahren auszuwerten. Oder man schafft es, das Feld jedesmal komplett und das pro Umwälzung und Zustand zu begehen. Mir gelingt das bei der immer schneller werdenden Fruchtfolge jedoch nur selten. Gruss...
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palaeo1
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« Antworten #9 am: 18. Mai 2017, 18:05:25 pm »

Zitat von: RockandRole
Ich denke aber, dass die Verlagerung sich teilweise sogar ausgleicht.

Absolut korrekt !!! Es gibt da zwei Beispiele. Eines sei hier geschildert. Im Rahmen von Ausgrabungstätigkeiten beim Landesmuseum Hannover ist ein Experiment erfolgt. Es sind mehrere 1 m-Quadrate ausgehoben worden und jeweils mit 25 rezent geschlagenen und mit roter Markierungsfarbe besprühte Artefakte versehen worden, dieses in verschiedenen Tiefen. Die Position der Arteafakte wurde mit dem Tachymeter eingemessen. Jedes Jahr nach dem Pflügen wurden die wieder aufgefundenen Artefakte eingemessen. Die Verlagerung der Artefakte bewegte sich in einem 5 m Raum, meist war die Streuung aber geringer. Einen zweiten Fall schilder ich morgen, wobei wir, vorweggenommen, eine Fundstelle gegraben haben, die nur zum Teil im Ackerboden lag, zu 60 % aber ungestört war. Wir haben auch die Artefakte im Ackerboden mit dem Tachy eingemessen, insgesamt über 34 000.

LG palaeo1
« Letzte Änderung: 18. Mai 2017, 18:11:51 pm von palaeo1 » Gespeichert
palaeo1
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« Antworten #10 am: 18. Mai 2017, 18:07:53 pm »

Zitat von: Nanoflitter
... das man oft nicht das ganze Feld schafft und dann Teilbereiche mehrmals und manche weniger begeht.

Du hast doch im GPS-Gerät die Daten und kannst doch positionsgenau dort wieder anfangen, wo Du aufgehört hast.

LG palaeo1
« Letzte Änderung: 18. Mai 2017, 19:13:22 pm von palaeo1 » Gespeichert
Nanoflitter
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« Antworten #11 am: 18. Mai 2017, 18:22:37 pm »

Das ist dann aber meist nächstes Jahr mit oft anderen Bedingungen, gut oder schlecht abgeregnet, geackert, gegrubbert mit Stroh oder aufgehenden Restgetreide, abgeernteter Rübenacker usw. Auch die Bedingungen sind nicht zu unterschätzen. Und wenn dann der Acker im nächsten Jahr länger offen ist, mach ich den natürlich ganz und nicht halb, wie im Jahr vorher. So würde ich mich für eine längerfristige Auswertung entscheiden. Das senkt die Fehlerrate für meine Begehungen deutlich. Mit einer ganzen "Horde" an ein oder zwei Tagen ist das was anderes. Gruss...
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palaeo1
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« Antworten #12 am: 18. Mai 2017, 18:28:51 pm »

Das ist dann aber meist nächstes Jahr mit oft anderen Bedingungen, gut oder schlecht abgeregnet, geackert, gegrubbert mit Stroh oder aufgehenden Restgetreide, abgeernteter Rübenacker usw. Auch die Bedingungen sind nicht zu unterschätzen. Und wenn dann der Acker im nächsten Jahr länger offen ist, mach ich den natürlich ganz und nicht halb, wie im Jahr vorher. So würde ich mich für eine längerfristige Auswertung entscheiden. Das senkt die Fehlerrate für meine Begehungen deutlich. Mit einer ganzen "Horde" an ein oder zwei Tagen ist das was anderes. Gruss...

Ist ja alles richtig! Wir haben bei den Begehungen jetzt auch wieder festgestellt, dass es auch nicht ausreicht, nur auf und ab zu gehen, es müssen auch Kreuzgänge erfolgen. Es reicht schon etwas Schattenbildung der groben Ackerkrume aus, um Artefakte nicht zu sehen, oder der stehengebliebene Maisstoppel. Aber bei mehreren Begehungen nivelliert sich das Ganze wieder. Wir werden den Acker jetzt nach der Maissaat und nach der Ernte noch einmal begehen.

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Nanoflitter
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« Antworten #13 am: 18. Mai 2017, 18:31:29 pm »

Hier sieht man die Funde von drei Jahren in Abfolge übereinander. Schön zu sehen, wie sich die Lücken füllen. grins
Gruss...
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« Antworten #14 am: 18. Mai 2017, 18:38:59 pm »

Ja, ist schon beeindruckend, wie sich vermeintliche Konzentrationen schließlich vollkommen auflösen.

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psearch
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« Antworten #15 am: 18. Mai 2017, 19:22:37 pm »

Zeigt auch wie wichtig es ist, wirklich alles aufzulesen und einzumessen, jedes kleine Fitzelchen, jeden Abspliss, Trümmer ansonsten wird der Befund verfälscht  belehr
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« Antworten #16 am: 19. Mai 2017, 16:57:02 pm »

So, hier sei mal das zweite Beispiel hinsichtlich der Verlagerung der Flintartefakte durch landwirtschaftliche Tätigkeiten dargestellt. Wie schon geschrieben haben wir bei einer Fundstelle, die wir ausgegraben haben, auch alle erfassten Artefakte im Mutterboden eingemessen. Leider sind noch nicht alle Daten in der Datenbank erfasst, somit ist auch die Kartierung nicht vollständig. Es wird aber schon bei den vorliegenden Plänen deutlich, das die Verlagerung marginal ist. Die Fundkonzentrationen heben sich zwar im Mutterboden auf, aber die Fundverteilung im Gesamten bleibt weitestgehend identisch. Zur besseren Dokumentation habe ich mal drei Bereiche mit einer schwarzen Linie markiert, wo sich fundarme und fundreiche Bereiche trennen. Das heißt, dass wir mit einer GPS-Einmessung bei Oberflächenprospektionen eine räumliche Trennung von differenten Lagerplätzen hinbekommen können, wenn sie sich nicht überlagern.

Gruß
palaeo1
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« Antworten #17 am: 19. Mai 2017, 20:29:08 pm »

Schöne Beispiele, danke! Das Spiel kann man noch weitertreiben, wo lagen Werkzeuge, wo Scherben, wo Trümmer, wo bestimmte Werkzeugkategorien...kann richtig Spass machen, aber auch viel Arbeit. grins Gruss...
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palaeo1
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« Antworten #18 am: 20. Mai 2017, 20:12:36 pm »

Das macht sicher viel Arbeit, aber es ist spannende Wissenschaft.

LG palaeo1
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